Lust auf Digitalisierung, statt Pflichtgefühl mit Alexander Nikolaus vom Digitalisierungszentrum Ulm Alb-Donau Biberach | E3

Wie gelingt Digitalisierung in Handwerksbetrieben, ohne dass man sich im Tool-Dschungel verliert oder das Tagesgeschäft aus dem Blick gerät? Alexander Nikolaus, Leiter des Digitalisierungszentrums Ulm Alb-Donau-Biberach, gibt darauf im Gespräch mit Philipp Christ sehr konkrete Antworten – und räumt dabei mit einigen hartnäckigen Missverständnissen auf. Statt Pflicht propagiert er Lust auf Digitalisierung: mit echten Praxisbeispielen aus dem Schreinerhandwerk, der Backstube und dem Maschinenbau. Wer wissen möchte, wo der eigene Betrieb gerade steht und was als nächster Schritt wirklich Sinn ergibt, findet in dieser Episode einen nüchternen, praxistauglichen Einstieg.

Das Wichtigste in Kürze

Digitalisierung in Handwerksbetrieben – mehr als nur neue Software

Die Digitalisierung in Handwerksbetrieben wird häufig auf die Einführung einzelner Tools reduziert. Alexander Nikolaus, Leiter des Digitalisierungszentrums Ulm Alb-Donau-Biberach, sieht das anders: Für ihn ist digitale Transformation ein tiefgreifender Wandel, der vom Geschäftsmodell über die administrativen Prozesse bis hin zur Kundengewinnung und Mitarbeiterakquise reicht. Wer nur punktuell digitalisiert, ohne die eigene Strategie zu kennen, läuft Gefahr, Effizienz zu verspielen und mittelfristig nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein.

Typische Hürden beim Einstieg in die digitale Transformation

Für viele KMU und Handwerksbetriebe ist der Einstieg in die digitale Transformation weniger eine Frage des Willens als eine Frage der Orientierung. Nikolaus beschreibt das Dilemma präzise: Wer auf eine Messe geht, um eine Lösung zur Arbeitszeiterfassung zu suchen, kommt oft nicht mit einer Antwort zurück, sondern mit fünf neuen Fragen. Hinzu kommen begrenzte Zeitressourcen, unklare Kosten-Nutzen-Verhältnisse und die schiere Geschwindigkeit, mit der neue Technologien auf den Markt kommen. Diese Gemengelage führt dazu, dass Betriebe das Thema aufschieben – verständlicherweise, aber mit Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit.

Praxisbeispiele: Was wirklich funktioniert hat

Das Digitalisierungszentrum kann nach fünf Jahren auf eine Reihe konkreter Erfolgsgeschichten zurückblicken. Ein Handwerker, der über Social Media gezielt jüngere Zielgruppen ansprach und dadurch seinen Betrieb nachhaltig aufbauen konnte. Ein Produktionsbetrieb, dessen Inhaber nach einer Beratung eigenständig eine Produktionssteuerungs-App programmierte. Und ein Bäcker, der nach einem Besuch im Zentrum einen Schokoladen-3D-Drucker anschaffte, um Qualitätsschwankungen bei aufwendigen Tortendekorationen auszugleichen. Besonders eindrücklich: Eine 80 Jahre alte Maschine, für die kein Ersatzteil mehr hergestellt werden konnte, wurde durch 3D-Druck wieder in Betrieb gesetzt. Diese Beispiele zeigen, dass der Nutzen von Technologien stark vom Kontext abhängt und nicht pauschal bewertet werden kann.

Der Digital-Check als Ausgangspunkt für eine Digitalisierungsstrategie im Handwerk

Das zentrale Beratungsangebot des Digitalisierungszentrums ist der sogenannte Digital-Check. Dabei besucht ein Berater den Betrieb vor Ort und nimmt eine strukturierte Bestandsaufnahme vor: Wie ist das Unternehmen organisatorisch und technisch aufgestellt? Welche Daten sind bereits vorhanden? Ziehen die Mitarbeiter den Wandel mit? Ziel ist eine individuelle Standortbestimmung, aus der konkrete nächste Schritte abgeleitet werden können. Manchmal zeigt sich dabei, dass ein Betrieb bereits auf einem guten Weg ist. In anderen Fällen werden Handlungsfelder sichtbar, die bislang nicht im Blickfeld lagen. Ergänzt wird dieses Angebot durch Workshops, Fachberatungen und Netzwerktreffen, bei denen Betriebe Technologien wie VR-Brillen oder 3D-Drucker direkt ausprobieren können – ohne Kaufdruck und ohne Vorkenntnisse.

Empfehlungen für eine nachhaltige Umsetzung

Zum Abschluss des Gesprächs gibt Nikolaus eine klare Handlungsempfehlung: anhalten, Bestandsaufnahme machen, eine eigene digitale Strategie entwickeln und Projekte mit realistischem Zeitplan, Budget und verantwortlicher Person hinterlegen. Nicht zehn Vorhaben gleichzeitig starten, sondern eines nach dem anderen konsequent abschließen. Digitalisierung kostet etwas – Zeit, Geld und Aufmerksamkeit. Wer das von Anfang an einkalkuliert und realistisch plant, hat gute Chancen, den eigenen Betrieb zukunftsfähig aufzustellen.

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