Was in der Industrie längst Standard ist, hält jetzt auch Einzug ins Handwerk: Baustellen, die virtuell begehbar sind, Informationen, die allen im Team jederzeit zur Verfügung stehen, und eine Kommunikation, die Zeit spart und Fehler vermeidet. Fabian Weiss, Gründer von Immersight, zeigt, wie der digitale Zwilling im Handwerk konkret funktioniert – und warum der Einstieg einfacher ist, als die meisten Betriebe vermuten. In diesem Gespräch mit Philipp Christ von LC-TOP erfährst du, welche Praxisbeispiele es bereits gibt, was eine 360°-Aufnahme mit dem Alltag auf der Baustelle zu tun hat und warum kleine Schritte oft der schnellste Weg zu mehr Effizienz sind.
Das Wichtigste in Kürze
Digitaler Zwilling im Handwerk – was steckt dahinter?
Der Begriff „digitaler Zwilling im Handwerk“ klingt zunächst nach Industrie 4.0 und Großunternehmen. Fabian Weiß, Gründer von Immersight, zeigt in diesem Gespräch, warum die Technologie längst im mittelständischen Handwerksbetrieb angekommen ist – und warum der Einstieg einfacher ist, als viele vermuten. Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles Abbild der physischen Realität. Immersight setzt dabei bewusst auf den Begriff „virtueller Zwilling“, um den visuellen Aspekt zu betonen: Man sieht die aufgenommenen Räume so, wie sie in der Wirklichkeit aussehen – begehbar, detailgetreu, jederzeit abrufbar.
Konkrete Vorteile für den Betriebsalltag
Die Stärke der Technologie liegt in der verbesserten Kommunikation. Ein klassisches Beispiel aus der Praxis: Ein Kunde meldet ein neues Badezimmerprojekt. Bisher fährt der Chef oder ein Verkäufer persönlich zur Besichtigung – oft ein bis zwei Stunden Aufwand, ohne dass der ausführende Mitarbeiter die Baustelle je gesehen hat. Mit einer 360°-Aufnahme können alle Beteiligten das Objekt virtuell begehen, vom Büro aus, ohne Fahrtzeit. Das reduziert Missverständnisse und beschleunigt die Angebotserstellung.
Dasselbe Prinzip gilt für die laufende Baustelle. Ein Mitarbeiter stellt die Kamera kurz auf ein Stativ, drückt einen Knopf – nach etwa zehn Sekunden und einem automatischen Upload ist die Aufnahme in der Cloud. Der Chef kann aus der Ferne nachschauen, einweisen oder bei Problemen helfen. Auch die Mitarbeitereinweisung profitiert: Statt alle Beteiligten am ersten Arbeitstag physisch vor Ort zu versammeln, kann die Einweisung bereits im Büro anhand des virtuellen Abbilds erfolgen.
Baustellendokumentation digital – auch im Schadensfall
Ein weiterer, häufig unterschätzter Vorteil ist die lückenlose digitale Baustellendokumentation. Fabian Weiß schildert einen typischen Fall: Ein Schaden taucht auf, der Verursacher ist unklar. Dank der zeitgestempelten Aufnahmen lässt sich genau nachweisen, in welchem Zustand die Baustelle zu einem bestimmten Zeitpunkt war. Das schützt vor ungerechtfertigten Schadensersatzansprüchen und spart im Streitfall Zeit und Geld.
Digitalisierung im Handwerksbetrieb: Klein anfangen, aber anfangen
Fabian Weiss gibt Betrieben zwei klare Empfehlungen für die Einführung. Erstens: nicht zu groß denken. Wer drei Jahre lang diskutiert, welche Variante am besten passt, verliert wertvolle Zeit. Ein Einstiegspaket mit Hardware, Software, Service und Schulung ist bereits ab etwa 2.500 Euro erhältlich. Zweite Empfehlung: klare Zuständigkeiten schaffen. Wer die Kamera einem einzelnen Mitarbeiter mit eindeutiger Anweisung übergibt, wird deutlich bessere Ergebnisse erzielen als wer das Gerät unverbindlich im Büroschrank lässt. In der Praxis zeigt sich: Sobald Mitarbeiter den Nutzen für sich selbst erkannt haben – etwa weil ein erkrankter Kollege die Baustelle nahtlos übernehmen konnte – wird die Nutzung zur Selbstverständlichkeit.
Potenzial im Bestandsbau
Besonders groß sieht Weiss das Potenzial im Bereich Sanierung und Bauen im Bestand. Während beim Neubau detaillierte CAD-Pläne vorliegen, fehlen im Altbestand häufig verlässliche Unterlagen. Eine systematische Erfassung des Ausgangszustands mit 360°-Aufnahmen schafft die Grundlage für belastbare Angebote und eine reibungslose gewerkeübergreifende Abstimmung. Die Technologie ermöglicht es auch kleineren Betrieben, nach dem Vorbild größerer Unternehmen zu arbeiten: erst erfassen, dann beurteilen, dann anbieten – ohne dass der Chef bei jedem Ersttermin selbst ausrücken muss.