Dabei gilt: Nicht jede neue Technologie ist automatisch für jeden Handwerksbetrieb sinnvoll. Während Cloud-Lösungen und digitale Kundenprozesse bereits in vielen Betrieben angekommen sind, werden Technologien wie KI, BIM oder Robotik bisher deutlich selektiver eingesetzt.
Das Wichtigste im Überblick
- Künstliche Intelligenz wird für konkrete Büro-, Kommunikations- und Dokumentationsaufgaben interessanter.
- Vernetzte Software gewinnt gegenüber einzelnen Insellösungen an Bedeutung.
- Cloud und mobile Anwendungen verbinden Büro, Baustelle und Kundendienst.
- Digitale Angebote, Rechnungen und E-Rechnungen werden stärker Bestandteil durchgängiger Prozesse.
- IT-Sicherheit wird mit zunehmender Digitalisierung zur betrieblichen Grundvoraussetzung.
- IoT und Tracking helfen bei Werkzeugen, Geräten, Wartung und vernetzten Anlagen.
- BIM und digitale Zwillinge werden vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe relevanter.
- Robotik, Drohnen und 3D-Druck bleiben wichtige Spezialtechnologien, sind aber nicht für jeden Betrieb gleichermaßen relevant.
Künstliche Intelligenz wird im Handwerk konkreter
Die tatsächliche Nutzung ist allerdings noch gering. In der aktuellen Bitkom-Erhebung geben lediglich 4 Prozent der Handwerksunternehmen an, KI bereits einzusetzen. Weitere 9 Prozent planen den Einsatz. Gleichzeitig sehen 35 Prozent einen Wettbewerbsvorteil für Handwerksunternehmen, die frühzeitig auf KI setzen.
Für 2027 spricht deshalb vieles dafür, dass weniger über abstrakte KI-Potenziale gesprochen wird und stattdessen konkrete Anwendungen im Betriebsalltag in den Vordergrund rücken.
Bei aller Automatisierung bleibt die fachliche Kontrolle entscheidend. Kalkulationen, technische Entscheidungen oder die Bewertung einer handwerklichen Leistung sollten nicht ungeprüft an ein KI-System übertragen werden.
Vernetzte Software wird wichtiger als einzelne digitale Tools
2027 wird für viele Betriebe weniger die Frage sein, ob sie digitale Software einsetzen, sondern wie gut ihre verschiedenen Prozesse miteinander verbunden sind.
Ein digitales Werkzeug allein beseitigt noch keinen Medienbruch. Wenn Kundendaten in einer Anwendung, Termine in einer zweiten, Materialinformationen in einer dritten und Rechnungen in einer vierten Lösung gepflegt werden, entstehen trotz Digitalisierung weiterhin doppelte Eingaben und Abstimmungsaufwand.
Für Handwerksbetriebe wird deshalb die Verbindung von Auftragsmanagement, Projektbearbeitung, Kalkulation, Kundenverwaltung, Dokumenten und Rechnungen wichtiger. Informationen sollten möglichst dort weiterverwendet werden können, wo sie im nächsten Arbeitsschritt benötigt werden.
Für Betriebe bedeutet das bei der Softwareauswahl: Nicht nur einzelne Funktionen vergleichen, sondern prüfen, welche Daten mehrfach erfasst werden müssen, welche Schnittstellen vorhanden sind und ob Büro und Außendienst mit derselben Informationsbasis arbeiten können.
Cloud und mobile Prozesse verbinden Büro und Baustelle
Cloud-Lösungen und mobile Anwendungen gehören 2027 nicht mehr zu den experimentellen Technologien, sondern bilden in vielen Betrieben die Grundlage für ortsunabhängige Arbeit.
Bereits 56 Prozent der in der Bitkom-Studie befragten Handwerksunternehmen nutzen Cloud-Anwendungen. Damit ist Cloud Computing deutlich stärker verbreitet als viele andere neuere Technologien.
Für einen Handwerksbetrieb liegt der praktische Nutzen vor allem darin, dass Daten und Anwendungen nicht ausschließlich an einen Arbeitsplatz im Büro gebunden sind. Mitarbeiter können dadurch beispielsweise vom Kundendienst, von unterwegs oder von einem anderen Standort auf benötigte Informationen zugreifen.
Noch wichtiger wird die Verbindung mit mobilen Anwendungen. Auftragsinformationen, Dokumente, Fotos, Arbeitszeiten oder Kundendaten können direkt dort erfasst oder abgerufen werden, wo die Arbeit stattfindet.
Entscheidend ist dabei der Rückweg der Informationen: Eine digitale Notiz auf der Baustelle bringt wenig, wenn dieselben Daten später im Büro erneut übertragen werden müssen. Mobile Prozesse entfalten ihren größten Nutzen deshalb dann, wenn sie mit der zentralen Handwerkersoftware verbunden sind.
Schulung:
Digitale Kunden- und Rechnungsprozesse werden zum Standard
Digitale Angebote, Rechnungen und Terminprozesse gehören bereits heute zu den am weitesten verbreiteten digitalen Anwendungen im Handwerk.
85 Prozent der von Bitkom befragten Handwerksunternehmen bieten mindestens einen digitalen Service an. 68 Prozent versenden Angebote digital, 62 Prozent Rechnungen und 48 Prozent ermöglichen eine Online-Terminbuchung.
Für 2027 dürfte deshalb weniger der erstmalige Umstieg von Papier auf digitale Dokumente im Mittelpunkt stehen. Wichtiger wird, dass diese Prozesse miteinander verbunden sind.
Aus einer Kundenanfrage entstehen beispielsweise Kundendaten, ein Angebot, ein Auftrag, Arbeitsinformationen und später eine Rechnung. Je weniger diese Informationen zwischen verschiedenen Anwendungen manuell übertragen werden müssen, desto durchgängiger wird der Ablauf.
Auch die E-Rechnung verändert den Rechnungsprozess
Seit dem 1. Januar 2025 müssen inländische Unternehmen grundsätzlich in der Lage sein, E-Rechnungen zu empfangen. Für die Ausstellung gelten Übergangsregelungen.
Ab dem 1. Januar 2027 müssen Unternehmen mit einem Vorjahresumsatz von mehr als 800.000 Euro bei betroffenen inländischen B2B-Umsätzen grundsätzlich E-Rechnungen ausstellen. Unternehmen mit einem Vorjahresumsatz von höchstens 800.000 Euro können die Übergangsregelung noch bis Ende 2027 nutzen.
Damit wird die E-Rechnung gerade im Jahr 2027 für viele Betriebe noch einmal deutlich relevanter.
IT-Sicherheit wird zur Voraussetzung für Digitalisierung
Je mehr betriebliche Informationen digital verarbeitet werden, desto wichtiger wird der Schutz von Systemen, Konten und Daten. IT-Sicherheit ist deshalb 2027 kein separates IT-Thema mehr, sondern Teil funktionierender digitaler Betriebsabläufe.
71 Prozent der von Bitkom befragten Handwerksunternehmen schreiben IT-Sicherheit bereits einen großen Stellenwert zu. Gleichzeitig verfügen nur 15 Prozent über klar geregelte Abläufe und Maßnahmen für den Fall eines Cyberangriffs.
Genau hier besteht eine Lücke zwischen Bewusstsein und praktischer Vorbereitung.
Für einen Handwerksbetrieb gehören dazu beispielsweise geregelte Zugriffsrechte, aktuelle Software, sichere Passwörter und Mehrfaktor-Authentifizierung, regelmäßige Datensicherungen sowie ein klarer Ablauf für den Fall eines IT-Ausfalls oder Angriffs.
IoT und Tracking machen Werkzeuge und Anlagen messbarer
Das Internet of Things (IoT) verbindet Maschinen, Geräte oder Anlagen mit digitalen Systemen und macht dadurch Zustands-, Nutzungs- oder Standortdaten elektronisch verfügbar.
Im Handwerk kann das sehr unterschiedliche Anwendungen betreffen. Maschinen lassen sich hinsichtlich ihres Betriebszustands überwachen, Werkzeuge und Geräte digital verwalten und technische Anlagen für Wartungs- oder Serviceprozesse anbinden.
Die Verbreitung zeigt allerdings, dass IoT noch kein allgemeiner Standard im Handwerk ist. Laut Bitkom nutzen 20 Prozent der befragten Handwerksunternehmen Tracking-Systeme, 17 Prozent Anwendungen zur vorausschauenden Wartung und 11 Prozent IoT-Technologien.
Gerade deshalb sollte ein Betrieb nicht mit der Technologie beginnen, sondern mit dem Problem.
Wer regelmäßig Zeit verliert, weil Geräte gesucht werden, kann beispielsweise von digitalem Tracking profitieren. Wer technische Anlagen betreut, kann Zustandsdaten für Wartung und Service nutzen. Ein Betrieb ohne entsprechenden Anwendungsfall benötigt dagegen nicht allein deshalb IoT-Technik, weil sie als digitaler Trend gilt.
Auch regulatorisch gewinnen die Daten vernetzter Produkte an Bedeutung. Der europäische Data Act gilt seit September 2025 und stärkt unter anderem den Zugang von Nutzern zu Daten, die durch vernetzte Geräte erzeugt werden.
BIM und digitale Zwillinge werden für Bau und Ausbau relevanter
Building Information Modeling (BIM) und digitale Zwillinge sind vor allem für Handwerksbetriebe interessant, die in vernetzte Planungs-, Bau- und Dokumentationsprozesse eingebunden sind.
Bei BIM werden Informationen zu einem Bauwerk in einem digitalen Modell zusammengeführt und über den Lebenszyklus des Gebäudes genutzt. Dadurch können Planung, Abstimmung, Ausführung und spätere Bewirtschaftung stärker auf einer gemeinsamen Datenbasis erfolgen.
Noch ist BIM im Handwerk allerdings nicht flächendeckend angekommen. In der Bitkom-Erhebung nutzen 18 Prozent der befragten Unternehmen aus dem Bau- und Ausbaugewerbe BIM, weitere 13 Prozent planen den Einsatz. 63 Prozent geben an, sich noch nicht oder nicht ausreichend damit beschäftigt zu haben.
Gleichzeitig entwickelt sich das Thema weiter. BIM Deutschland beschäftigt sich 2026 verstärkt mit digitalen Zwillingen, digitalen Bauanträgen, interoperablen Prozessen und KI im digitalen Planen und Bauen.
Digitale Zwillinge gehen dabei über ein reines Planungsmodell hinaus. Sie können einen realen Zustand digital abbilden und beispielsweise für Dokumentation, Betrieb oder Wartung genutzt werden.
Für kleinere Handwerksbetriebe bleibt entscheidend, ob Auftraggeber und Projekte entsprechende Daten und Prozesse voraussetzen. Ein Elektrobetrieb, der regelmäßig an größeren Bauprojekten beteiligt ist, hat hier andere Anforderungen als ein kleiner Kundendienstbetrieb.
Robotik, Drohnen und 3D-Druck bleiben Spezialthemen
Robotik, Drohnen und 3D-Druck werden das Handwerk auch 2027 weiter verändern. Allerdings sehr unterschiedlich je nach Gewerk.
Damit unterscheiden sie sich von Cloud, mobilen Prozessen oder digitaler Rechnungsstellung, die nahezu jeden Handwerksbetrieb betreffen können.
Drohnen eignen sich beispielsweise zur Aufnahme schwer zugänglicher Gebäudebereiche, für Dokumentation, Vermessung oder Inspektion. Robotische Systeme können repetitive, körperlich belastende oder besonders präzise Fertigungsschritte unterstützen. 3D-Druck bietet unter anderem Möglichkeiten bei Prototypen, individuellen Bauteilen, Hilfsmitteln oder Ersatzteilen.
Die tatsächliche Nutzung ist weiterhin überschaubar. In der aktuellen Bitkom-Erhebung werden 3D-Technologien von 12 Prozent, Drohnen von 10 Prozent und Roboter von 7 Prozent der befragten Handwerksunternehmen eingesetzt.
Die richtige Frage lautet:
Löst die Technologie ein konkretes Problem in unserem Gewerk besser als der bisherige Prozess?
Wenn ja, kann sich ein genauerer Blick lohnen. Wenn nein, sollten zunächst die alltäglichen digitalen Abläufe funktionieren.
Digitalkompetenz entscheidet, ob neue Technologien tatsächlich helfen
Technologie allein digitalisiert keinen Handwerksbetrieb. Mitarbeiter müssen die eingesetzten Systeme verstehen und sinnvoll in ihre Arbeitsabläufe integrieren können.
76 Prozent der befragten Handwerksunternehmen sagen, dass ihre Mitarbeiter mehr Digitalkompetenz benötigen. Gleichzeitig investieren nur 43 Prozent gezielt in Fort- und Weiterbildung für die digitale Arbeitswelt.
Diese Lücke dürfte auch 2027 relevant bleiben.
Das gilt besonders bei KI. Ein leistungsfähiges Werkzeug bringt wenig, wenn unklar ist, welche Daten eingegeben werden dürfen, wie Ergebnisse geprüft werden müssen oder für welche Aufgaben das System überhaupt geeignet ist.
Ähnliches gilt für Handwerkersoftware. Neue Funktionen führen nicht automatisch zu besseren Abläufen. Prozesse, Zuständigkeiten und Schulung müssen mitgedacht werden.
Interessant ist dabei auch die Rolle junger Mitarbeiter: 54 Prozent der ausbildenden Betriebe geben laut Bitkom an, bei ihrer Digitalisierung vom Wissen und den Fähigkeiten ihrer Auszubildenden zu profitieren.
Welche digitalen Trends sind 2027 für meinen Handwerksbetrieb wirklich relevant?
Ein SHK- oder Elektrobetrieb mit vielen Monteuren kann beispielsweise zunächst davon profitieren, Büro und Baustelle besser zu verbinden. Ein Betrieb mit vielen eingehenden Anrufen kann die Kundenkommunikation automatisieren. Wer zahlreiche Werkzeuge und Geräte auf wechselnden Baustellen einsetzt, kann Tracking prüfen. Unternehmen in größeren Bauprojekten sollten sich dagegen stärker mit BIM und digitalen Gebäudedaten beschäftigen.
Informationen mehrfach erfasst werden, Papier zwischen Büro und Baustelle wandert, Mitarbeiter häufig nach Informationen suchen oder wiederkehrende Aufgaben unnötig viel Zeit beanspruchen.
Erst danach sollte die passende Technologie ausgewählt werden.
Das unterscheidet nachhaltige Digitalisierung von einer Sammlung einzelner digitaler Tools.
Fazit: 2027 zählt die Verbindung der Technologien
Der wichtigste digitale Trend für das Handwerk 2027 ist nicht eine einzelne neue Technologie, sondern die stärkere Verbindung bereits vorhandener digitaler Möglichkeiten.
KI wird konkreter, Cloud und mobile Anwendungen sind zunehmend etabliert, E-Rechnungen treiben digitale Rechnungsprozesse voran und IT-Sicherheit wird wichtiger. Gleichzeitig entwickeln sich IoT, BIM und digitale Zwillinge in konkreten Gewerken weiter.
Robotik, Drohnen oder 3D-Druck können ebenfalls erheblichen Nutzen bieten, bleiben aber stärker vom jeweiligen Anwendungsfall abhängig.
Philipp Christ
PRODUKTMANAGER
Nach seinem Studium im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen Elektro- und Informationstechnik, ist Philipp in das Familienunternehmen Locher & Christ eingestiegen. Nun unterstützt er als Produktmanager LC-TOP dabei, Softwarelösungen für das Handwerk effizienter zu gestalten.


